Dr. Klaus Lindner (1935-2026)
Nachruf von Oliver Schwarz
Am 22. Juli 2026 verstarb Dr. Klaus Lindner, der über Jahrzehnte hinweg die Entwicklung der schulischen Astronomie in Deutschland maßgeblich geprägt hat.
Lindner erblickte am 19. März 1935 das Licht der Welt. Nach dem Abitur absolvierte er ein Lehramtsstudium an der Universität Leipzig.
Im Jahr 1959 war in der DDR das Fach Astronomie als Schulpflichtfach eingeführt worden. Dies erfolgte allerdings ziemlich überraschend als Reaktion auf erfolgreiche sowjetische Raumflüge, in engem Zusammenhang mit dem durch den Start von Sputnik 1 im Jahre 1957 enorm gestiegenem allgemeinen Interesse an Astronomie und Raumfahrt. Es gab aber kein Schulbuch, keine astronomisch ausgebildeten Lehrer, vielerorts nur die z.B. im damaligen Kulturbund engagierten, als Amateure aktiven Personen, die im besten Fall gleichzeitig Lehrer waren.
Klaus Lindner gehörte zum Kreis der schon länger an Astronomie interessierten Lehrer – korrekterweise muss man sagen, auch frischen Lehramtsabsolventen - und so verwundert es nicht, dass er schon 1959 auf dem Gebiet der Astronomiedidaktik mit einer Publikation hervortrat. 1959 erschien die Schrift „Lebendiger Astronomieunterricht“ (Leipzig, Pädagogisches Kreiskabinett), nur kurze Zeit später war er Mitautor am Lehrwerk „Praktische Schülerbeobachtungen“ (Volk und Wissen, 1962). Im Jahr 1965 wurde Lindner Mitglied der Astronomischen Gesellschaft. Er behielt diese Mitgliedschaft (trotz der später in der DDR erzwungenen Austrittswelle) ununterbrochen bei.
Die noch zaghaften und zumeist an den pädagogischen Kreiskabinetten angesiedelten Weiter- und Ausbildungsaktivitäten in der ehemaligen DDR mündeten in eine Zeitschriftengründung: Ab 1961 erschien „Astronomie in der Schule“ als Beilage zu „Mathematik und Physik in der Schule“, ab 1962 auch gesondert zu beziehen als Beilage zur Zeitschrift für den Erdkundeunterricht. Ab 1964 gab es dann „Astronomie in der Schule“, eine Zeitschrift für Lehrer und Schüler in der DDR. Seit 1964 war Klaus Lindner im wissenschaftlichen Beirat, später im Redaktionskollegium tätig. Von 1978 bis 2000 war er deren stellvertretender Chefredakteur, bevor er der leitende Redakteur wurde. Aber mit diesen Aussagen sind wir zeitlich schon sehr weit vorgedrungen.
Im Dezember 1966 verteidigte Klaus Lindner seine Promotion, die den Titel trägt: „Untersuchungen zur Methodik des Astronomieunterrichts in der allgemeinbildenden Oberschule unter besonderer Berücksichtigung der Astrophysik“.
Bereits in den Publikationen aus den sechziger Jahren taucht eine der Wortschöpfungen Lindners auf, die den Kern seines fachdidaktischen Denkens offenbart: „Astrophysikalisches Bildungsgut“. Allein dieser Begriff verrät, in welcher Tradition sich Lindner sah und in welchen Zusammenhängen er seine Beiträge zur Methodik der Astronomie- und Astrophysik schon damals verortete – nämlich als Teil des Kanons eines humanistisch geprägten Bildungsideals.
Auf ungezählten Lehrerweiterbildungen, in zahlreichen Publikationen und vor allem während seiner praktischen Unterrichtstätigkeit präsentierte Lindner einen riesigen Schatz an erfolgreich erprobten Lehrvorschlägen. Er unterrichtete über vier Jahrzehnte an Leipziger Schulen.
Das Festhalten an Fachinhalten und am klassischen Bildungsideal hat Klaus Lindner nach der Wende Anerkennung eingetragen und für ihn neue Perspektiven eröffnet: Er wurde gleich 1990 Direktor der Friedrich List Schule in Leipzig, im Jahre 1994 dann Rektor der berühmten Thomasschule, der Heimstätte der weit über Deutschland hinaus bekannten Thomaner. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es neben der Astronomie – und natürlich seiner Gattin Katharina und seinen zwei Kindern – noch eine weitere Leidenschaft im Leben von Klaus Linder gab, das Orgelspielen.
Seine umfangreichen astronomischen Lehr- und Schulwerke können an dieser Stelle nur kursorisch genannt werden. Viele der heute schon etwas älteren Jünger der Urania werden sich noch dankbar an Bücher wie „Astronomie selbst erlebt“ (Urania, Leipzig 1973), „Der Sternenhimmel“ (Urania, Leipzig 1975), „Jugendlexikon Astronomie und Raumfahrt“ (Bibliographisches Institut, Leipzig 1983) und ähnliche Publikationen erinnern, die unter seiner alleinigen Autorenschaft oder prominenter Mitautorenschaft entstanden sind.
Nach dem Zusammenbruch der DDR galt es, neue Lehrbücher für den astronomischen Schulunterricht zu entwickeln. Hier arbeitete Linder prägend mit und die Schulbücher „Astronomie. Lehrbuch für die Sekundarstufe 1.“ (Volk und Wissen, Berlin 1999 (zusammen mit Manfred Schukowski) sowie „Astronomie plus. Lehrbuch.“ (Cornelsen/Volk und Wissen, Berlin 2005, zusammen mit Udo Backhaus) sind bleibender Ausdruck der dabei erworbenen Verdienste.
Im Jahr 2000 ehrte die Astronomische Gesellschaft Klaus Lindner mit dem Ludwig-Neumann Preis für „seine jahrzehntelange engagierte Tätigkeit als Lehrer im Fach Astronomie, seinen unermüdlichen Einsatz für die astronomisch-didaktische Forschung und seinen erheblichen Anteil an der Ausarbeitung von Lehrplänen und Lehrmaterial, wodurch er den Astronomieunterricht weitgehend geprägt und wesentliche Impulse auch für den Unterricht in den alten Bundesländern Deutschlands gegeben hat.“
Lindner war ebenfalls Träger des Johannes Kepler-Preis der MNU und schließlich gibt es auch einen Asteroiden, der seinen Namen trägt.


